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Adam Smith’s Theorie der Ethischen Gefühle – Teil IV

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Über den Einfluss der Nützlichkeit auf das Gefühl der Billigung

Bisher habe ich euch die beiden ersten Teile aus Adam Smith’s Buch ‚Theorie der ethischen Gefühle‚ (kurz: TEG; engl.The Theory of Moral Sentiments) vorgestellt. Im seinem ersten Hauptwerk beschrieb der schottische Moralphilosoph wie grundlegend Sympathie für die Entstehung ethischer Gefühle ist. Nicht nur unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern unser gesamtes Urteilsvermögen gründet auf Sympathie. Während ich hier das Prinzip der Sympathie und ihre Funktion vorgestellt habe, ging es im zweiten Teil darum, welchen Grundsätzen das menschliche Empfinden von Verdienst und Schuld folgt. Heute sehen wir uns den‚Einfluss der Nützlichkeit auf das Gefühl der Billigung‚ an.

Da Nützlichkeit auf Schönheit basiert, finden vor allem vollkommen schöne Dinge unsere Zustimmung.
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Über die Schönheit aus Nützlichkeit

Die Nützlichkeit eines Gegenstandes gefällt dem Besitzer, weil er ihn an das Vergnügen und die Bequemlichkeit erinnert, die der Gegenstand leistet. Der Zuschauer nimmt infolge der Sympathie Anteil an den Empfindungen des Besitzers. Wider Erwarten wird der glückliche Umstand der Erfindung eines Gegenstandes oft mehr geschätzt, als der Zweck für den er geschaffen wurde.

Genauso wird die Herbeiführung einer Bequemlichkeit und Vergnügung oft mehr beachtet als die Bequemlichkeit selbst, die das Ziel der Erfindung darstellt. Um etwa einem zukünftigen Mangel an Bequemlichkeit zu entgehen, nehmen wir oft zunächst Mühen auf uns bevor uns im Nachhinein ein Nachteil entsteht. Z.B. räumen wir etwas auf, damit wir es nachher bequem hätten oder sortieren Dinge, um sie später wieder finden zu können. Aber vielmehr als die für uns entstehende Bequemlichkeit nach dem Aufräumen, genießen wir eine bestimmte Anordnung der Dinge (im Raum und zueinander). Und trotzdem steht hinter der Anordnung die Bequemlichkeit, die sich ausdrücken will sowie die Schicklichkeit und Schönheit der Anordnung selbst.

Da Nützlichkeit auf Schönheit basiert, finden vor allem vollkommen schöne Dinge unsere Zustimmung.
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Gewissenhaftigkeit

Gewissenhaftigkeit in einem Bereich muss sich in anderen Lebensbereichen oder Angelegenheiten nicht wiederfinden. Und dies nicht etwa deshalb, weil uns viel an Pünktlichkeit oder Gewissenhaftigkeit liegt, sondern weil wir die Vollkommenheit des Gegenstandes schätzen und sein vollkommenes Funktionieren.

Darüber hinaus ist die Anschaffung eines unbedeutenden Nutzwertes nicht so sehr mit der Nützlichkeit und dem Nutzen des Gegenstandes verbunden. Vielmehr ist es die Geschicklichkeit, einen solchen Nutzen zu bewerkstelligen. Darüber hinaus sind es die Liebe zur Funktionsweise und zum Funktionieren als auch für die Erfindung an sich. Egal wie geringfügig der Gegenstand ist und egal wie groß der Nutzen für ihn oder eine Allgemeinheit.

Vollkommenheit geht mit Schönheit einher. Aus Vollkommenheit wird Nützlichkeit und diese löst in uns ein Gefühl der Zustimmung aus.
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Ehrgeiz und Reichtum

Für eine uns erträumte Vorstellung von Bequemlichkeit tun wir Dinge, die in höchstem Maßen unbequem sind und sogar unbequemer er der erduldete Mangel der Situation, aus der wir kommen, die wir aber ändern möchten, weil wir sie unbequem finden. Der Nutzen der kleinen Dinge ist für uns nicht so augenscheinlich wie Gegenstände, die sich durch Größe und Reichtum ausdrücken. Die Befriedigung der Besitzer prachtvoller Gegenstände des Reichtums wird von uns geteilt und gebilligt. Wir können sie leicht nachvollziehen und der gegenständliche Nutzen erschließt sich uns von selbst.

Weil wir mehr auf die Empfindungen eines Zuschauers achten als auf jene der betroffenen Person, stellen wir uns eher vor, wie seine Situation den anderen erscheinen wird. Und weniger wie sie dem Betroffenen selbst erscheint. Der Zuschauer bildet sich aber nicht ein, dass reiche Menschen glücklicher sind, sondern dass sie mehr Mittel zur Glückseligkeit besitzen. Und die geistreiche wie kunstvolle Anordnung der Mittel zu ihrem Zweck, erwecken unsere Bewunderung.

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Die Schatten des Reichtums

Angesichts von Alter und Krankheit verliert Reichtum jedoch seinen Reiz und damit auch unsere Bewunderung dafür. Denn die Vorzüge des Reichtums sind nicht mehr imstande Alten und/oder Kranken die für den Reichtum aufgewendeten Mühen zu seiner (Aufrecht-)Erhaltung erträglich zu machen. Im Gegenteil, wurden die Unbeschwertheit und Sorglosigkeit der Jugendjahre für etwas geopfert, das keine wirkliche Befriedigung bietet und bieten kann.

Für Adam Smith zeigt sich Reichtum dann als Maschine, die einige, an sich wertlose, Bequemlichkeiten zustande bringen kann, aber sorgfältig in Ordnung gehalten werden muss. Und um diese zu erreichen die Anstrengungen eines ganzen Lebens nötig sein können. Erst wenn wir das scheinbar Schöne und Edle haben, sehen wir seine Geringfügigkeit, im Vergleich zu Gütern wie Gesundheit. Sowie seine eigentliche Wertlosigkeit für unsere Glückseligkeit. Die ursprüngliche Täuschung über die enorme Befriedigung durch Reichtum weckt aber den Ehrgeiz in uns.

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In dem Wohlbefinden des Körpers und dem Frieden der Seele sind Arme und Reiche jedoch gleichauf. Ferner teilen sie die gleiche Liebe zur Ordnung und Schönheit.

Gemeinsinn und Menschlichkeit

Wenn sich jemand um die Verbesserung des Rechts, der Verwaltung, des Handels oder öffentlicher Angelegenheiten bemüht, dann tut er dies vor allem aus dem Gefühl der Genugtuung für die Vervollkommnung eines Verwaltungssystems, der Ausbreitung des Handels und dergleichen. Jedoch nicht aus Sympathie für die Geschäftsleute und Hersteller und weder aus der Sympathie für die Profitierenden, noch aus Mitgefühl für die, die vormals Nachteile hatten. Es geht vielmehr um die Verbesserung des Systems, des großen Ganzen, das uns umgibt und dessen Teil jeder von uns ist. Bis jemand dies erreicht hat, wird er nicht ruhen und dafür alle Mühen auf sich nehmen. Denn er tut dies aus Gemeinsinn heraus.

Nach Adam Smith bieten Bequemlichkeit und Komfort keinen richtigen Anreiz sondern erst der Gedanke an ein ausgeklügeltes System in bester Ordnung, voller Funktionstüchtigkeit und hoher Zweckmäßigkeit. Denn diese beeindrucken die Menschen weitaus mehr. Ein System in Harmonie und ein Zustand der Reibungslosigkeit.

Vollkommenheit geht mit Schönheit einher. In Schönheit erkennen wir Nützlichkeit und diese löst in uns ein Gefühl des Gutheißens aus.
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Systemdenken und Nächstenliebe

Aus Systemgeist, Liebe zur Kunst und zu Erfindungen schätzen wir die Mittel oft mehr als den Zweck. Die Absicht ein System zu verbessern wiegt höher als jene, mehr Glückseligkeit unter den Menschen zu schaffen. Menschen mit großem Gemeingeist sind nicht notwendigerweise auch „menschlich“ oder von Nächstenliebe geprägt. Andersherum gibt es Menschen, die viel Nächsten- und Menschenliebe zeigen, aber kaum Gemeingeist besitzen. An den Gemeinsinn eines Menschen zu appellieren ist weitaus effektiver und motivierender als an den Sinn der Nächsten- und Menschenliebe.

Gemeinsinn und Menschlichkeit sind nicht immer in einem Menschen vereinigt. Menschlichkeit besteht nur in einem feinen Mitgefühl, das ein Zuschauer den Empfindungen des Betroffenen hat. Zudem erfordert Menschlichkeit keine Selbstbeherrschung und keine große Anstrengung des Gefühls für sittliche Richtigkeit. Es ist ein Gefühl von Sympathie. Anders beim Edelmut. Indem wir anderen Menschen vor uns selbst den Vorzug geben und ein wichtiges eigenes Interesse einem gleichen Interesse eines Freundes opfern, zeigen wir uns edelmütig.

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Nützlichkeit und Charakter

Die Charaktere der Menschen können die Glückseligkeit der Individuen und der Gesellschaft fördern oder hemmen. Gemeinhin entsteht Schönheit durch Nützlichkeit während Schädlichkeit aus Hässlichkeit (im Sinne der Unvollkommenheit oder Schlechtigkeit) erwächst. Charakterzüge sind mit Schönheit und Hässlichkeit vergleichbar und daraus leitet sich der Nutzen oder Schaden für andere Individuen oder eine Gemeinschaft ab. Beispielsweise ist eine schlechte Regierung nicht zum Schutz gegen Verbrechen und Missstände imstande.

Nur Eigenschaften, die dem Besitzer oder seinen Mitmenschen nützlich und angenehm sind, werden als tugendhaft gebilligt. Und nur unnütze, unangenehme Eigenschaften als lasterhaft missbilligt. Wenn wir Tugend und Laster jedoch in allgemeiner Weise betrachten, dann schwinden die Eigenschaften, welche die Empfindungen hervorrufen und die Empfindungen werden weniger deutlich erkennbar.

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Von der Quelle der Billigung und Missbilligung

Adam Smith zufolge sei der Anblick von Nützlichkeit oder Schädlichkeit die Hauptquelle für Billigung und Missbilligung. Die Schönheit der Nützlichkeit und die Hässlichkeit der Schädlichkeit verstärken die Gefühle von Billigung und Missbilligung. Das Gefühl der Billigung trägt ein Gefühl von Richtigkeit einer mit Nützlichkeit verbundenen Gesinnung in sich.

Verstand, Vernunft und Klugheit

Die für uns wichtigsten Eigenschaften bilden überlegener Verstand und Vernunft, da sie uns befähigen die Folgen unserer Handlungen zu erkennen und Vorteile wie Nachteile zu antizipieren. Diese Fähigkeiten helfen uns darüber hinaus Selbstbeherrschung zu wahren, Durststecken zu überwinden und Schmerzen zu ertragen um künftige bessere Zustände zu erreichen oder größerem Schaden zu entgehen. Darin besteht die Tugend der Klugheit und sie ist von allen die nützlichste für den Einzelnen. Höherer Verstand und Vernunft werden nicht nur als nützlich und vorteilhaft gebilligt, sondern als richtig und angemessen. Daher werden Wissenschaften werden als richtig und angemessen angesehen ohne dass wir den Nutzen ihrer Untersuchungen genau verstehen oder nachvollziehen können.

Vollkommenheit geht mit Schönheit einher. In Schönheit erkennen wir Nützlichkeit und diese löst in uns ein Gefühl des Gutheißens aus.
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Selbstbeherrschung und sittliche Richtigkeit

Selbstbeherrschung ist sittlich richtig und nicht nur nützlich. Die zukünftige Freude der jetzigen, sofortigen Befriedigung zu opfern scheint uns töricht und unbesonnen. Umgekehrt erhält Selbstbeherrschung Bewunderung. Daher erhalten auch Beharrlichkeit und Genügsamkeit so große Hochachtung. Diese Ansicht vom Interesse und Glück eines Beharrlichen, die sein Verhalten lenken, deckt sich mit unserer Vorstellung davon. So dass es eine vollkommene Übereinstimmung zwischen seinen und unseren Empfindungen gibt. Da wir sonst sehr oft die Schwächen der menschlichen Natur erleben, billigen wir das Verhalten eines Beharrlich-Genügsamen nicht nur, sondern bewundern es.

Und nur in diesem Bewusstsein können wir einen Menschen zu einem derartigen Verhalten ermuntern. Ohne das Gefühl der sittlichen Richtigkeit und durch das Bewusstsein Achtung und Billigung von Seiten anderer zu verdienen, könnten wir einen Zustand des Glücks in 10 Jahren niemals einer gegenwärtigen, sofortigen Befriedigung vorziehen. Von der Übereinstimmung der Neigungen des Handelnden und des Zuschauers hängen Achtung und Billigung ab.

Vollkommenheit geht mit Schönheit einher. In Schönheit erkennen wir Nützlichkeit und diese löst in uns ein Gefühl des Gutheißens aus.
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Nützlichkeit und Edelmut

Im Fall von Edelmut haben wir ein größeres Gefühl für etwas, das den anderen betrifft und weniger für das, was uns selbst angeht. Der Edelmütige betrachtet dabei die entgegengesetzten Interessen nicht aus ihrer Perspektive, sondern aus der Sicht des anderen (aus der Sicht des unparteiischen Zuschauers). Sobald wir uns bemühen so zu handeln, dass wir Bewunderung und Anerkennung verdienen, sind wir bereitwilliger unsere (oft kleinmütigen) Interessen zu opfern um die größeren eines anderen zu sichern. Auch hier nimmt der Handelnde die Sicht des unparteiischen Zuschauers ein. Daher versuchen wir in Übereinstimmung mit den Ansichten eines unparteiischen Zuschauers zu handeln.

Unsere Bewunderung gründet sich oft auf die edle sittliche Richtigkeit einer Handlung, die ein Opfer erfordert, und nicht so sehr auf die Nützlichkeit einer Handlung. Wenn wir aber ihre Nützlichkeit beachten, dann erhält ihre Schönheit unsere Billigung. Die Schönheit wird nur von solchen Menschen erkannt, die viel nachdenken und ist keine Eigenschaft, die die Empfindungen der großen Menge befürwortet.

Vollkommenheit geht mit Schönheit einher. In Schönheit erkennen wir Nützlichkeit und diese löst in uns ein Gefühl des Gutheißens aus.
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Einfluss der Sozialisierung

Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Daher fühlen Menschen ohne Verbindung zu einer Gesellschaft nicht die Billigung für die Schönheit nützlicher Gegenstände und auch nicht die Abneigung für unvollkommene Erfindungen. Erst mit einer Sozialisierung kommt Sympathie für Absichten und Handlungen sowie Billigung für Empfindungen und Affekte zustande. Während Schönheit uns berührt, stößt uns Hässlichkeit ab. Freude kommt ins uns auf, wenn jemand eine Belohnung verdient und vor Strafe zurückschrecken. Alle diese Gefühle basieren auf der Vorstellung eines inneren Richters, der sie fühlt und nur aus Sympathie mit den Entscheidungen dieses Schiedsrichters über das Verhalten einer Person können wir Selbstbilligung und Selbstverurteilung erleben.


Quellen

Textgrundlage: Theorie der ethischen Gefühle, TEG IV, 307-330: Über den Einfluss der Nützlichkeit auf das Gefühl der Billigung.

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