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Adam Smith’s Theorie der ethischen Gefühle – Teil I

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Was ist eigentlich Sympathie?

In meinem letzten Beitrag habe ich über die schottische Aufklärung und einen der wesentlichen Aufklärer, Adam Smith, berichtet. Vielen ist er eher als wegweisender Ökonom 18. Jhd. bekannt. Noch lange bevor er seine Karriere als Wirtschaftswissenschaftler begann, hat er sich als Moralphilosoph mit Sympathie beschäftigt. Sein erstes Hauptwerk, dieTheorie der ethischen Gefühle (kurz: TEG; engl.The Theory of Moral Sentiments) war bereits bei ihrer Veröffentlichung 1759 ein voller Erfolg. Darin beschreibt Smith, dass der Mensch zu anderen Menschen von Natur aus eine Verbindung auf der Gefühlsebene herstellen kann: Und zwar mithilfe der Sympathie. Wie sehr der Mensch über Sympathie funktioniert, möchte ich euch in mehreren Beiträgen vorstellen. Hier und heute geht es um den ersten Teil des Buches; ‚Über Sympathie und ethische Gefühle‘.

Auch Freundschaften basieren auf Sympathie (Image by Annie Spratt from Pixabay.com).
Auch Freundschaften basieren auf Sympathie (Image by Annie Spratt from Pixabay.com).

Wer sich außerdem für Naturwissenschaften begeistert, kann hier ‚Das Geheimnis des Wassers‘  nachlesen. Oder auch zur Wasserenergie nach Viktor Schauberger.

Kurz vorab: In seinem Buch verwendet Adam Smith häufig den Begriff ‚Affekt‚. Damit meint er jede Art von Gefühl und Gemütsbewegung, die beim Menschen entstehen können. Nicht umsonst sprechen wir von sog. ‚Affekthandlungen‘, wenn Handlungen relativ unbeherrscht und aus Gefühlen heraus entstehen.

Vom Prinzip der menschlichen Anteilnahme

Das Prinzip, das der Anteilnahme des Menschen an anderen Menschen zugrunde liegt, ist damit verbunden, dass er sich als Zeuge der Glückseligkeit anderer an eben dieser erfreuen möchte. Sympathie ist unser Mitgefühl mit jeder Art von Affekten bzw. Gefühlsbewegung unseres Gegenübers, während Erbarmen und Mitgefühl lediglich den Kummer des anderen betreffen. Über unsere Vorstellungskraft können wir uns ein Bild der Empfindungen anderer machen und der Lage, in der sie sich befinden.

Auch Freundschaften basieren auf Sympathie (Image by Annie Spratt from Pixabay.com).
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Sympathie wird weniger durch einen Affekt selbst hervorgerufen, sondern durch den Betrachtung oder die Kenntnis der Situation, die den Affekt verursacht hat. Dies bedeutet, dass, solange wir nicht wissen, was jemandem passiert ist, hält sich unsere Sympathie oder Mitgefühl für sein Leiden noch gering. Natürlicherweise sympathisieren wir eher mit jenen die sich zur Wehr setzen als mit jenen, gegen die sich die Vergeltung oder der Zorn richten. Vorausgesetzt, wir können den Grund für die Vergeltung nachvollziehen. Affekte können aber auch übertragen werden, z.B. erzeugen kummervolle Mienen auch beim Zuschauer Kummer.

Kummer und Vergeltungsgefühl verlangen stärker nach Trost durch Sympathie als Freude (Image by Free-Photos from Pixabay.com).
Kummer und Vergeltungsgefühl verlangen stärker nach Trost durch Sympathie als Freude (Image by Free-Photos from Pixabay.com).

Wie funktioniert Sympathie?

Da der Mensch nicht uneigennützig ist, geschieht Sympathie nicht uneigennützig. Wir freuen uns, wenn wir jemanden bereichern und eine Freude machen konnten. Darüber hinaus gefällt es uns, wenn uns andere bemitleiden und gleichermaßen kränkt es uns (und unser Ego), wenn es niemand tut, wir uns aber für bemitleidenswert halten. Zudem kränkt es uns, wenn wir die Sorge und den Kummer eines anderen nicht teilen bzw. nachempfinden können. In diesen Fällen nehmen wir den Betroffenen in seinem Affekt nicht ernst (genug), er erscheint uns ängstlich und schwach.

Sympathie ist nicht ganz uneigennützig: Erfreuen wir jemand anderes, freut uns das auch (Image by Free-Photos from Pixabay.com).
Sympathie ist nicht ganz uneigennützig: Erfreuen wir jemand anderes, freut uns das auch (Image by Free-Photos from Pixabay.com).

Paradox erscheint, dass Sympathie Freude verstärkt, Kummer hingegen nicht, sondern stattdessen erleichtert. Dies geschieht deshalb, weil wir im kummervollen Zustand nicht aufnahmefähig für Kummer sind, sondern eher für andere (positive) Empfindungen. Da Kummer und Vergeltungsgefühl stärker nach Trost durch Sympathie verlangen als Freude, überwiegt die Erleichterung durch die Sympathie und Anteilnahme unseres Gegenübers. Können wir mit einem Affekt nicht sympathisieren, passt unsere Gemütsbewegung nicht zum Affekt. In diesem Fall bewerten wir die Ursache des Affekts als unbedeutend und die Reaktion darauf (also den Affekt selbst) als übertrieben. Dabei gehen wir von dem aus, was uns angemessen erscheint, wenn wir jemand anderen beurteilen.

Auch Freundschaften basieren auf Sympathie (Image by Annie Spratt from Pixabay.com).
Sympathie von anderen Menschen kann unsere eigene Freude verstärken
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Generell sympathisieren wir eher mit den Menschen, die ihre Affekte würdevoll zeigen können. Einfach ausgedrückt, mit Menschen, die nicht von ihren Gefühlen beherrscht werden. Zudem löst es Sympathie in uns aus, wenn Menschen ihre Affekte so herunterregulieren können, dass jeder Gegenüber sie nachfühlen könnte. Wut und Zorn sind generell Affekte, die abstoßend wirken, wenn man ihnen freien Lauf lässt.

Welche Voraussetzungen gibt es?

Vor allem feinfühlige Menschen neigen zu Sympathie und können am ehesten nachfühlen wie es einem Anderen geht oder welche Schmerzen er hat. Zudem braucht Sympathie eine Übereinstimmung: Wenn die Affekte eines anderen mit meiner Gemütsreaktion darauf übereinstimmen, scheinen mir seine Affekte angemessen. In der Folge sympathisiere ich mit ihnen. Adam Smith verwendet für ‚angemessen‘ auch die Begriffe ’sittlich‘ und ’schicklich‘. Wenn meine Sympathie so groß ist wie der Kummer des anderen, wird er sich in seinem Kummer bestätigt fühlen, d.h. dieser erscheint auch ihm angemessen.

Gefühle können ansteckend sein und Sympathie zum anderen herstellen 
(Photo by Sam Manns on Unsplash.com).
Gefühle können ansteckend sein und Sympathie zum anderen herstellen
(Photo by Sam Manns on Unsplash.com).

Je nachdem, wie hoch der Grad an Übereinstimmung zwischen dem Affekt des anderen und meiner Gemütsbewegung ist, wird mein Gegenüber meine Sympathie mehr oder weniger missbilligen oder schätzen. Dennoch kann ich mit der Gemütsbewegung anderer sympathisieren, auch wenn sie nicht zu meiner eigenen passt, da ich vielleicht gerade nicht in der Stimmung zur Freunde bin oder gedanklich zu belegt, als dass ich Anteil nehmen könnte an Zuständen von Trauer oder Sorge. Gleichermaßen kann ich ein Lachen ohne meine (emotionale) Beteiligung deshalb billigen, da ich weiß, dass dieses in einer derartigen Situation angemessen wäre.

Beziehungen und Gegenstände

Auch Gegenstände, können Sympathie auslösen. Zum einen, wenn eine Beziehung zu ihnen besteht (persönliches Erlebnis) und zum anderen, wenn sie beziehungsneutral sind (z.B. Gemälde). Besteht keine Beziehung der Beteiligten zum Gegenstand, kann es trotzdem zu Sympathie kommen. U.a. deshalb, weil man der gleichen Meinung ggü. dem Gegenstand ist. Auch im Falle einer unterschiedlichen Ansicht zum Gegenstand kann es zu Sympathie kommen. Und zwar deshalb, weil der Gegenstand in keiner Beziehung zu den Beteiligten steht. Anders ist es bei Gegenständen, zu denen eine Beziehung besteht. Falls hier die Übereinstimmung der Gemütsregung oder des Urteils darüber fehlt, wird langfristig kein Gespräch mehr (zu diesem Thema) möglich sein.

Nimmt jemand nicht Anteil an Dingen, die uns wichtig sind, kann er nicht mit unserer Sympathie rechnen (Photo by Lesly Juarez on Unsplash.com).
Nimmt jemand nicht Anteil an Dingen, die uns wichtig sind, kann er nicht mit unserer Sympathie rechnen (Photo by Lesly Juarez on Unsplash.com).

Damit überhaupt eine Übereinstimmung zu einem bedeutungsvollen Gegenstand zustande kommt, muss sich der Zuschauer bzw. Zuhörer um Empathie für den Betroffenen bemühen. Jedoch trösten Empathie und Mitleid, aber der Betroffene muss seinen Affekt immer noch bis zu dem Punkt herunter regulieren, an dem der Zuhörer mitfühlen und Anteilnahme empfinden kann. Nur dann kommt es zu einer ausreichenden Übereinstimmung der Gemütszustände (Harmonie der Gesellschaft) und zum maximal möglichen Trost für den Betroffenen. Generell billigen wir das Urteil eines anderen allein aus dem Grund, dass es mit dem unsrigen übereinstimmt und löst deshalb Sympathie in uns aus.

Hier stimmen die Gemütszustände überein 
(Photo by Krista Mangulsone on Unsplash.com).
Hier stimmen die Gemütszustände überein (Photo by Krista Mangulsone on Unsplash.com).

Welchen Zweck hat Sympathie?

Indem die Sympathie gegenüber Affekten unsere Beziehungen zu und mit anderen Menschen regelt, können wir einordnen, mit welchen Menschen wir uns umgeben möchten und welche wir meiden sollten. Über unsere Sympathie erkennen wir, welche Menschen uns bereichern und welche uns eher Energie abverlangen. Indem die Vollkommenheit der menschlichen Natur besagt, dass wir viel für andere und wenig für uns selbst fühlen sollen, wären selbstzentrierte Handlungen zu beherrschen, Affekte zu kontrollieren und nur anerkennende Aussagen zu machen. Im Christentum geht man noch weiter. So heißt es, wir sollen unseren Nächsten nicht weniger lieben als uns selbst und uns selbst nur soviel wie unseren Nächsten. Ergo, sollten wir uns keinesfalls mehr lieben als unseren Nächsten.

Wie sieht die Sympathie mir selbst gegenüber aus, wenn ich mich dem Maßstab anderer gemäß lieben soll? (Photo by Jude Beck on Unsplash.com)
Wie sieht die Sympathie mir selbst gegenüber aus, wenn ich mich dem Maßstab anderer gemäß lieben soll? (Photo by Jude Beck on Unsplash.com)

Adam Smith spinnt diese Aussage weiter und sagt, „wir sollten uns nur soviel lieben wie unser Nächster in der Lage ist uns zu lieben“. Dies könnte mehr oder weniger Anerkennung von Seiten meines Gegenübers für mich bedeuten. In jedem Fall sollten wir akzeptieren, dass jemand uns nicht mehr lieben kann als er es eben tut. Oder uns nicht so viel Liebe entgegenbringen kann, wie wir selbst es für uns können. Hierbei geht es darum, dass wir die Handlungen und Gemütsbewegungen anderer nicht mit unserem eigenen Maßstab bewerten sollten. Und anstatt von anderen die bestmögliche Handlung oder Reaktion zu erwarten, sollten wir eher Maßstab einer durchschnittlich zu erwartenden Handlung oder Reaktion anwenden. Dann sind wir mit dem Ergebnis immer zufriedener als nach einer Bewertung mit dem Maßstab der absoluten Vollkommenheit.

Quellen

  • Über die Schicklichkeit oder sittliche Richtigkeit von Handlungen, Adam Smith (aus Theorie der ethischen Gefühle: Teil I, 1. Abschnitt, Kapitel 1 – 5).
  • spektrum.de: METZLER LEXIKON PHILOSOPHIE: Prinzip der Anteilnahme, 2008 Springer-Verlag Deutschland GmbH.
  • C. Gilligan: Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. München 1984.
  • adamsmith.org: The Theory of moral sentiments. Adam Smith Institute, aufgerufen am 03.05.2020.

Comments (4)

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  3. […] Adam Smith’s Theorie der ethischen Gefühle – Teil I 3. Mai 2020 […]

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